Ich erinnere mich noch genau an die erste Gitarre, die ich für einen Freund getestet habe – ein No-Name-Modell für 39 Euro aus einem Supermarkt-Sonderangebot. Die Saitenlagen lagen so hoch über dem Griffbrett, dass man nach zehn Minuten Spielen das Gefühl hatte, gegen Klavierdrähte zu kämpfen. Drei Wochen später lag das Ding in der Ecke, und mein Freund war überzeugt, er habe kein Talent. Das hatte er. Die Gitarre hatte keines.
Genau dieses Szenario wiederholt sich täglich in Tausenden von Wohnzimmern. Der Gitarrenkauf für Anfänger ist kein triviales Thema – eine schlechte Kaufentscheidung kann den Lernfortschritt um Monate zurückwerfen.
Warum billige Einsteigergitarren so oft scheitern
Das Problem mit sehr günstigen Gitarren unter 80 Euro ist selten der Klang – es ist die Bespielbarkeit. Der technische Begriff dafür ist Action: der Abstand zwischen Saite und Bundstäbchen am 12. Bund. Bei einer ordentlich eingestellten Gitarre liegt dieser Wert bei einer Akustikgitarre zwischen 2,0 und 2,5 mm auf der Basssaite (E), bei einer E-Gitarre zwischen 1,5 und 2,0 mm.
Billigmodelle verlassen die Fabrik oft mit Werten von 4 mm und mehr. Das bedeutet: mehr Kraft für jeden Griff, schnellere Ermüdung, mehr Schmerzen in den Fingerkuppen – und ein Klang, der trotz aller Mühe unsauber bleibt, weil die Saiten zu weit vom Bund entfernt sind. Ein Gitarrenbauer kann die Action zwar einstellen, aber bei Instrumenten unter 100 Euro ist das Halsprofil oft so ungleichmäßig, dass selbst eine Profieinstellung nur begrenzt hilft.
Eine Gitarre, die sich schlecht spielen lässt, ist kein Lernwerkzeug – sie ist ein Hindernis. Das gilt unabhängig davon, ob man Klassik, Fingerpicking oder Power-Chords lernen will.
Dazu kommen Stimmstabilität und Mechaniken. Günstige Wirbel aus Zinkdruckguss verlieren ihre Spannung innerhalb von Minuten. Wer ständig nachstimmen muss, lernt keine Musik – er lernt frustriert zu sein.
Akustik oder E-Gitarre: Die erste Entscheidung
Viele Ratgeber empfehlen Anfängern pauschal die Akustikgitarre, weil man kein Verstärker-Equipment braucht. Das ist nicht falsch, aber es greift zu kurz. Die entscheidende Frage ist: Welche Musik will ich spielen?
Akustikgitarre für Anfänger
Akustikgitarren eignen sich für Singer-Songwriter, Folk, Country, Fingerpicking und klassische Gitarrenmusik. Sie sind sofort spielbereit, brauchen keinen Verstärker und klingen auch im Wohnzimmer vollständig. Allerdings haben sie in der Regel höhere Saitenspannungen als E-Gitarren, was die Fingerkuppen anfangs stärker beansprucht.
Innerhalb der Akustikgitarren gibt es zwei relevante Kategorien für Einsteiger: Westerngitarren mit Stahlsaiten und Konzertgitarren mit Nylonsaiten. Nylonsaiten sind weicher und schonen die Finger – für Klassik und lateinamerikanische Stile die erste Wahl. Westerngitarren klingen voller und lauter, eignen sich für Strumming und Picking.
E-Gitarre kaufen als Anfänger
Wer Rock, Metal, Blues oder Jazz spielen will, sollte direkt mit einer E-Gitarre anfangen. E-Gitarren haben dünnere Saiten (in der Regel 009er oder 010er Sets), niedrigere Action und sind damit objektiv leichter zu bespielen als Akustikgitarren. Der Mehraufwand durch Verstärker und Kabel ist überschaubar – ein kleiner Übungscombo für 80 bis 120 Euro reicht für den Anfang vollkommen aus.
Ein verbreiteter Mythos: Man müsse erst Akustik lernen, bevor man E-Gitarre spielt. Das stimmt nicht. Die Grundtechniken – Akkordgriffe, Picking, Bending – sind auf beiden Instrumenten gleich. Wer auf E-Gitarre lernt und dann Akustik spielen will, braucht nur etwas mehr Kraft in den Fingern aufzubauen.
Bauformen und ihre Eigenschaften im Überblick
Gitarren kommen in verschiedenen Korpusformen, die Klang und Bespielbarkeit direkt beeinflussen. Besonders bei Akustikgitarren ist die Wahl der Bauform relevant.
| Bauform | Korpusgröße | Klangcharakter | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Dreadnought | Groß | Laut, bassreich, durchsetzungsfähig | Strumming, Folk, Country |
| Orchestra / OM | Mittel | Ausgewogen, gut für Fingerpicking | Fingerstyle, Singer-Songwriter |
| Concert / 000 | Klein-mittel | Klar, mittenbetont | Fingerpicking, klassische Stücke |
| Parlour | Klein | Warm, wenig Bass | Blues, Reisegitarre |
| Jumbo | Sehr groß | Sehr laut, viel Bass | Strumming, große Bühnen |
Für die meisten Anfänger ist eine Dreadnought die praktischste Wahl: robuster Klang, weit verbreitet, viele Modelle in jeder Preisklasse. Wer körperlich kleiner gebaut ist oder eine schmalere Schulter hat, fühlt sich mit einer Orchestra-Form oft wohler.
Bei E-Gitarren sind die klassischen Formen Stratocaster-Style (dünner Korpus, drei Single-Coil-Tonabnehmer, vielseitig), Telecaster-Style (klar, twangy, ideal für Country und Rock) und Les-Paul-Style (schwerer, wärmer, mehr Sustain, gut für Rock und Blues). Für Einsteiger empfehle ich den Stratocaster-Style wegen seiner Vielseitigkeit und des geringeren Gewichts.
Mensur, Holz und Verarbeitung: Was die Zahlen bedeuten
Mensur – die unterschätzte Größe
Die Mensur ist die schwingende Saitenlänge zwischen Sattel und Steg. Sie bestimmt maßgeblich die Saitenspannung und damit den Spielkomfort. Standard-Mensur bei Westerngitarren liegt bei 650 mm (auch als „long scale
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